Klaus Stimeder

Stimeder: Süß, was Vice- und Buzzfeed-LeserInnen schockiert

Er tat das, woran viele im Zeitalter von digitalen Medien nicht mehr glaubten. 2003 gründete Klaus Stimeder das mehrfach ausgzeichnete Monatsmagazin DATUM. Sieben Jahre später entschied sich der langjährige Sportjournalist und Außenpolitikreporter das Ruder abzugeben. Mittlerweile lebt Stimeder in den USA, schreibt Bücher wie „Hier ist Berlin“ und „Stories 1995-2015“. Im Interview spricht er über die Mühen und Freuden einer Mediengründung, dem Trashtalk von Vice und Co. und einem unbekannten aber magischen Ort in New York.

Journalismus in Zeiten von Buzzfeed und Vice Media. Muss man schockieren und Trash talken, um Erfolg zu haben?

Absolut nicht. Aber schaden tut’s sicher auch nicht. Und in gewisser Weise ist die Reduktion von Medien wie den genannten auf deren Schock- und Schwachsinnsqualitäten auch unfair. Ich nutze, wie wahrscheinlich die meisten heutzutage, Twitter und Facebook als De-Facto-Nachrichtenagenturen. Die Geschichten, auf die ich von dort aus klicke, kommen nicht oft, aber auch nicht mehr selten von Buzzfeed USA. Die haben eine extrem kompetente Politikredaktion, zumindest, was die amerikanische Innenpolitik angeht. Links auf Vice-Geschichten kommen mir kaum unter. Aber ich krieg durch Bekannte aus der hiesigen Medienbranche schon mit, was bei denen passiert. Klar ist Vice, in all seinen Erscheinungsformen, nach wie vor das Zentralorgan des globalen Klemm-Voyeurismus, das es immer war. Aber selbst die bemühen sich mittlerweile, seriöser zu werden. Davon abgesehen: Mich persönlich hat noch nie etwas geschockt, was ich auf diesen Plattformen gesehen oder gelesen habe. Ich habe während ein paar Jahren meines Leben regelmäßig Zeit in Kriegs- und Krisengebieten verbracht. Im Vergleich zu dem, was ich dort gesehen hab, find ich das ganz süß, was die Vice- und Buzzfeed-Leser so alles schockiert.

Was bedeutet für dich „Medien machen“?

Sich mit allem, was der Geist und der Körper hergeben, der Produktion eines Mediums zu widmen, egal ob analog oder digital, das den eigenen Ansprüchen genügt und inhaltlich wie optisch internationalen Qualitätsvergleichen standhält. Und wenn man daran scheitert: Noch härter und solange weiter arbeiten, bis diese Ziele erreicht sind.

Wie kommt man auf die Idee ein Magazin zu gründen?

Im Fall von „Datum“ war es einfach an der Zeit. Streng genommen war ein Produkt dieser Machart am österreichischen Markt schon zur Zeit seiner Geburt überfällig, aber gut. Und nachdem ein überschaubares, aber signifikantes Segment am Leser- und Werbemarkt das damals wie heute auch so sieht – auch wenn’s die ersten zwei, drei Jahre natürlich extrem zach war, das ganze praktisch ohne Geld hochzuziehen – gibt’s darüber auch keine Diskussion mehr.

In Zeiten von Digital?

Heute wäre das was anderes, klar. Als wir 2003 die Arbeit an der Nullnummer von „Datum“ begonnen haben, gab es weder Facebook noch Twitter noch das IPhone. Unsere „Herrenjahre“ begannen fast genau zeitgleich mit der Social-Media-Revolution. Das war rückblickend insofern ein Vorteil, weil man sich noch relativ unbeobachtet entwickeln konnte. Der Nachteil war natürlich, dass die Promo-Möglichkeiten begrenzt, quasi noch Super-Old-School waren. Aber wir waren dank der Mehrheit der damaligen Mitarbeiter immer vorn dabei, wenn’s um technologische Entwicklungen ging. Als ich mich 2010 verabschiedet habe, war „Datum“ das erste und einzige Magazin am gesamten deutschsprachigen Markt, das mit einer Tablet-Version aufwarten konnte. Dafür war ich nicht persönlich verantwortlich, sondern der Chefredakteur Stefan Kaltenbrunner. Aber es war sozusagen ein so schöner wir aussagekräftiger Schlusspunkt meiner Herausgeber-Karriere.

Warum hast du verkauft?

Aus rein persönlichen Gründen. Ich hätte das ganze ewig weiter machen können, aber ich bin im Zuge einer – zugebenermaßen mehr erzwungenen als freiwilligen – Auszeit damals draufgekommen, dass ich noch mehr vom Leben will als „Datum“-Chef oder überhaupt Medienmensch sein. Viel mehr. Ich hab mich dann 2009 auf die Herausgeber-Rolle beschränkt und hab in Berlin gelebt, unterbrochen von längeren Aufenthalten in Amerika. Am Ende dieser gut zwei Jahre in Deutschland war dann klar, dass ich was Neues an einem Ort anfangen will, der meiner Mentalität und meinen Bedürfnissen am ehesten entspricht. Ich war ja auch im Grunde immer nur formal Verleger. Im Hirn wie im Herzen war ich immer Schreiberling.

Klaus Stimeder: Stories 1995-2015
Bild: Nicolas Mahler

Welcher Ratschlag/welche Weisheiten haben dich in deinem Leben nie im Stich gelassen?

Ratschlag… „Carry on regardless“, vielleicht? Das ist der Refrain von „Good as Gold“ von The Beautiful South. Weisheiten? Vielleicht die ewigen von Public Enemys „Fight the Power“, NWA’s „Straight Outta Compton“ und „Kickstart my Heart“ von Mötley Crü. Ich kann diesbezüglich halt die Tatsache schwer verleugnen, daß ich ein Kind der ausgehenden Achtziger und der frühen Neunziger bin.

Was war der erste Moment, wo du als Europäer in den USA schmunzeln musstest?

Weiß ich nicht mehr. Aber ich muss jedesmal schmunzeln, wenn ich die Ergebnisse von Umfragen lese, die belegen, wie viele Amerikaner imstande sind, die Länder auf der Weltkarte finden, in denen ihre Streitkräfte gerade Krieg führen oder mit denen ihre Regierung im Clinch liegt. Nach dem sogenannten „Atom-Deal“ mit dem Iran zum Beispiel ergab so eine Umfrage, dass nur ein rundes Drittel der erwachsenen US-Bevölkerung weiß, wo genau Iran liegt. Mit der Allgemeinbildung im erweiterten Sinn sozusagen, also mit dem durchschnittlichen Bildungsgrad der Allgemeinheit, ist es in den USA im Vergleich zu den meisten europäischen Ländern leider nicht weit her. Und das sorgt dann halt oft für unfreiwillige Komik.

Drei Dinge, was amerikanische Medien anders machen?

Das ist schwer zu beantworten, wenn man nicht in Klischees verfallen will. Aber gut, diese Klischees existieren halt auch nicht, weil das Gegenteil von ihnen stimmt. Die Faustregel gilt halt immer noch, dass Europa gut ist in der Grundlagenforschung, aber die USA perfekt darin sind, die Ergebnisse dieser Grundlagenforschung zu marktreifen Produkten zu verarbeiten, die der Konsument haben will. Und auf letzteres kommt’s halt am Ende an. Deshalb vielleicht so: Erstens sind die Amerikaner traditionell besser im Verpacken und im Vermarkten von Produkten, und Medien und ihre Inhalte bilden dabei keine Ausnahme. Zweitens sind sie weitaus mutiger in der Annahme wie in der praktischen Umsetzung von Innovationen jeglicher Art, und deshalb auch dem Rest der Welt immer ein Stück voraus. Und drittens gereicht den Amerikanern genau das, was man ihnen im allgemeinen – und nicht selten zurecht – vorwirft, ihren durch ihre relative Insularität bedingten Autismus, oft zum Vorteil: Insofern, als es ihnen wirklich und tatsächlich völlig wurscht ist, was jemand über sie denkt. Das hat seine Schattenseiten, ist aber in vieler Hinsicht sehr heilsam und -bringend.

Möchtest du jemals wieder gründen?

„Möchte“ ist in dem Zusammenhang ein seltsames Wort. Wenn sich irgendwo irgendwie irgendwann irgendwas neues ergibt, für das ich mich so richtig begeistern kann, warum nicht. Aber ich bin nicht auf der Suche danach, im Gegenteil. Ich bin mit meinem Schreiberdasein voll eingespannt. Ich arbeite und fahr viel rum, das reicht mir.

Was ist der inspirierendste Platz in New York City, den nur wenige kennen?

Der Woodlawn Cemetery im Norden der Bronx, an einem Abend im Frühling oder im Spätherbst. Ein magischer Ort.

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