Matti Bunzl: Ich überlasse Wien nicht den Rechtspopulisten

Der Kulturanthropologe Matti Bunzl kehrt nach 24 Jahren in den USA nach Wien zurück, um das Zepter des Wiener Stadtmuseums in die Hand zu nehmen. Im Interview spricht er über die soziokulturellen Unterschiede zwischen Österreich und den Vereinigten Staaten, mögliche Wege aus der Integrationsdebatte und darüber, wie er nach dem Rekordjahr 2014 noch mehr Besucher und Besucherinnen in das „Wien Museum“ bringen will.

Wann haben Sie gemerkt, dass Geschichte Ihre Berufung ist?
Das hat eigentlich direkt mit diesem Haus zu tun. Ich bin in Wien geboren und aufgewachsen. Als ich sieben, acht oder neun Jahre alt war, begeisterten mich die ausgestellten Stadtmodelle im Wien Museum. Damals erkannte ich, dass Geschichte erfahrbar und analytisch nachvollziehbar ist. Das Modell mit den alten Stadtmauern von Wien und daneben die moderne Stadt mit den Prachtbauten an der Ringstraße zu erblicken war sicherlich ein sehr prägender Moment für meine Identitätsfindung. Viele Jahre später, genauer gesagt im Jahre 1985, beeindruckte mich die Ausstellung „Traum und Wirklichkeit“, die das Wien zur Jahrhundertwende beleuchtete. Nach meiner Matura ging ich in die USA, um zu studieren. Dort faszinierte mich die Kulturanthropologie, die versucht, die gesamte Menschheit analytisch zu erfassen. Ich sehe mich in erster Linie als Wissenschaftler und bin erst viele Jahre später ins Kulturmanagement gewechselt. Vor fünf Jahren übernahm ich die Intendanz des Chicago Humanities Festival, das größte geisteswissenschaftliche Festival in den USA. Daneben widmete ich mich aber immer der Forschung rund um die Stadt Wien und somit repräsentiert das Wien Museum genau das, was ich immer schon gemacht habe.

Nach 24 Jahren USA kehren Sie in ihre Heimat Österreich zurück. Wo sehen Sie die größten gesellschaftspolitischen Unterschiede?
Die mit Abstand wichtigste Unterscheidung, auch wenn es sicherlich ein Klischee ist, ist das tiefe Selbstverständnis der USA, ein Einwanderungsland zu sein. Ohne die rosarote Brille aufzusetzen und die unfassbare Ungleichheit in den Vereinigten Staaten zu ignorieren, muss angemerkt werden, dass Einwanderung dort als ein absolutes Plus verstanden wird. Die Bevölkerung geht davon aus, dass die USA deswegen ein so starkes Land ist, weil Menschen aus der ganzen Welt einwanderten, um den American Dream zu leben. In Österreich finden wir ein solches konstitutives Grundverständnis nicht.

Bild: Christoph Hopf
Bild: Christoph Hopf

 

Wie stark veränderten die Terroranschläge vom 11. September 2001 diese offene Haltung der Gesellschaft?
Es gibt in den USA eine Islamophobie, ja die gibt es. Aber sie ist kleiner und strukturell anders bedingt als in Europa. Ein wichtiges Gründungsmotiv der Vereinigten Staaten war neben der liberalen Einwanderungspolitik  die religiöse Freiheit. Dieser religiöse Pluralismus, der für alle Bekenntnisgemeinschaften einen Platz in der Gesellschaft vorsah, muss in einem christlichen Kontext gesehen werden. Da ging es etwa um protestantische Sekten, die in Europa verfolgt wurden. In den USA genossen sie jedoch eine unbeschreibliche Freiheit. Später förderte dies das Zusammenleben mit jüdischen und muslimischen Gläubigen.

Der Islam genießt unzählige Freiheiten. Etwa ist das Kopftuch an keiner Universität ein brisantes Thema, eine derartige Diskussion wie jene in Frankreich wäre in den USA unvorstellbar. Die Bevölkerung verstand den Angriff vom 11. September unmittelbar als einen terroristischen Angriff. George W. Bush, dessen Freund ich niemals war, zog umgehend eine Trennlinie zwischen dem Islam und den Angreifern. Er besuchte die Moschee von Washington, um dort aktiv seine Solidarität zu zeigen. In Österreich fällt es den Politikern noch immer schwer, den Islam als Teil dieses Landes zu sehen. In Amerika wäre das eine Selbstverständlichkeit.

Kann das Wien Museum zu einem besseren Miteinander beitragen?
Wir werden mit Sicherheit dieses Thema aufgreifen. Ich bin ein Realist und ein Pragmatiker zugleich. Wird das Wien Museum ein Haus werden, wo Katholiken, Juden und Muslime gemeinsam zum gleichen Lied schunkeln? Unwahrscheinlich. Wo das Wien Museum aber eine Führungsrolle übernimmt, ist in der Darstellung der Wiener und der österreichischen Realität als eine inhärent multikulturelle. Wien ist und war eine Weltstadt und das meine ich ernst. Das heißt aber, dass wir diese Stadt niemals als eine rein monokulturelle, germanisch-deutsche Stadt sehen dürfen. Das war sie nicht und das wird sie in absehbarer Zeit nicht werden. Mir geht es nicht darum, Leute für irgendeine Schunkelstimmung zusammenzubringen. Ich möchte einen Ort schaffen, wo die kulturelle Vielfalt der Stadt als eine Selbstverständlichkeit gezeigt wird.

Bild: Christoph Hopf
Bild: Christoph Hopf

Was muss in Österreich passieren, dass das Thema des Miteinanders nicht mehr derart polarisiert?
Eine solche Frage ist sehr philosophisch und wichtig zugleich. Ich bin gekommen, um Teil dieses Kampfes zu sein. Mir sind Wien und Österreich einfach viel zu wichtig, als dass ich dieses Terrain den  Rechtespopulisten überlassen kann. Das lasse ich nicht zu. Gleichzeitig glaube ich, dass effektive Antworten eine gewisse Qualität haben müssen. Ich befürchte, dass tiefemotionell sitzende Gefühle nicht leicht mit rationalen Argumenten zu beseitigen sind. Ein Beispiel: Wien und Österreich wären ohne die Einwanderung völlig überaltert, die früher oder später aufgrund fehlender Pensionsfinanzierung Pleite gehen würden. Das ist ein Faktum, wir wären so aufgeschmissen ohne Einwanderung. Das Problem ist, dass ein solches Argument nur sehr wenige Leute überzeugt. Die Rolle des Wien Museum ist, diese Ängste vor der Migration zu verstehen und die Multikulturalität in einer nicht belehrenden Art darzustellen. Da habe ich einige Ideen, die aber noch nicht spruchreif sind.

Sie übernehmen mit 1. Oktober 2015 offiziell die Führung des Wien Museum. Was sind die größten Herausforderungen?
Die große Herausforderung ist der Um- und Ausbau des Hauses. Für mich ist das unheimlich spannend und die Finanzierung spielt dabei eine große Rolle. Aber alles Geld dieser Welt kann dir kein gutes Museum zusammenbasteln. Es geht darum, eine für die Stadt relevante, spannende Plattform zu sein. Das beginnt bei Ausstellungen bis hin zum Schaffen von Orten, wo Gespräche stattfinden. Ich spreche gerne vom Labor der Zivilgesellschaft. Ich verfolge hier sicherlich eine sehr amerikanische Interpretation von Museen.

2014 war ein Rekordjahr für Ihr neues Haus. Wer ist der typische Wien Museum Besucher?
Wir haben ziemlich gute Demographien und wir sehen, dass uns die Wiener und Wienerinnen sehr lieben. Ich denke, die Menschen sehen uns als das Museum ihrer Stadt. Die klassischen Besucherinnen und Besucher möchten bewusst mehr über Wien erfahren, über seine Kultur und seine Geschichte. Das ist fantastisch und großartig. Was ich aber noch zusätzlich gern hätte, wären Besucherinnen und Besucher aus dem Ausland oder Menschen, die nur temporär in Wien sind. Gerade bei Touristen sind wir nicht so sehr am Radar, wie ich es gern hätte.

Bild: Christoph Hopf
Bild: Christoph Hopf

Scheitert das an der fehlenden Werbung im Ausland?
Da spielen natürlich unterschiedliche Faktoren mit. Wir sind ein Stadtmuseum und kuratieren Ausstellungen über die Wiener Geschichte. Derartiges zu vermarkten ist nicht leicht. Gäste aus dem Ausland orientieren sich an den vorhandenen Reise-Guides, in denen das Wien Museum nicht wirklich als eine Attraktion vorkommt. Somit müssen wir überlegen, wie wir hier auffallen und unser Angebot für diese Gruppe so spannend wie möglich gestalten können.

Sie sind ein großer Opernfan und umgeben von hochwertigen kulturellen Einrichtungen. Welche Rolle spielt Innovation in Ihrer Planung?
Eine sehr große! Ich trete an, um diesen Betrieb weiterzuführen und neue Ideen einzubringen. Es wird extrem interessante Formate und spannende Kooperationen geben. Ich treffe mich sukzessiv mit allen Kulturinstitutionen in der Stadt und jedes Gespräch ist die Basis für ein potentielles oder bereits zu planendes Projekt.

Instagram, YouTube, Snapchat. Wie sprechen Sie die Generation Y mit Ihren Projekten an?
Meine Arbeit in den USA war stark durch Social Media geprägt. Beim Kuratieren von Ausstellungen und Projekten geht es immer darum, mit welchen Marketingmethoden ich mein jeweiliges Publikum erreiche. Nur weil die Substanz existiert, heißt das noch lange nicht, dass auch jemand kommt. Gerade in einer Stadt, in der es so viele Angebote gibt. Ich muss verstehen, was junge bildungsinteressierte Menschen denken und was sie wollen. Und als Ethnologe ist das meine Aufgabe.

Abschließend, bei wem würden Sie gerne einmal nachhaken?
Eines meiner großen Idole ist Franz Boas, der Begründer der amerikanischen Anthropologie. Er war in allen Belangen eine gigantische Figur. Ihn hätte ich sehr gerne kennengelernt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Misik: Die fehlende Glaubwürdigkeit der Linken

Robert Misik ist mehr als nur ein Intellektueller innerhalb des linken politischen Spektrums. Mit seinen wortwitzigen und pointierten Videoblogs auf derStandard.at unterhält er wöchentlich ein breites Publikum. Im Interview spricht er über das Fehlen einer linken Wirtschaftsalternative, übertriebener Hysterie beim Thema TTIP und einem linkspolitischen Lichtblick in der österreichischen Regionalpolitik.

Stimmt die Hypothese von Yuval Harari, wonach die Wirtschaft den Menschen nicht mehr brauche?
Nein, denn dafür sprechen keine Fakten. Wenn wir uns die Wirklichkeit und nicht irgendwelche Hirngespinste ansehen, dann erkennen wir rasch, dass sich die Beschäftigungsquote, also der Anteil der Bevölkerung die Lohnarbeit nachgeht permanent ausweitet – man denke allein an die Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit. Trotz Automatisierung treten immer mehr Menschen in den Produktionsprozess ein. Es ist einfach eine empirische Tatsache: Automatisierung führt zur Steigerung der Produktivität, aber nicht generell zur Ersetzung von Menschen durch Maschinen.

Sehen Sie keine Bedrohung für Beschäftigungsarten, die durch automatisierte Systeme obsolet werden?
Ich sehe keinen Strukturwandel, der dazu führt, dass weniger Menschen am Produktionsprozess beteiligt sind als früher. Historisch gesehen hat sich eine derartige Bedrohung trotz Technisierung nicht bewahrheitet. Es stimmt natürlich, dass es zu einer sinkenden Nachfrage in bestimmten Ökonomien für schlecht qualifizierte Arbeitnehmer kommt. Diese sind nicht nur durch die Automatisierung bedroht, sondern auch durch die Verlegung von Billigproduktion nach Südost-Asien. Das muss man sich dann im Detail ansehen, weil natürlich auch neue Jobs für schlecht qualifiziertes Personal, etwa im Bereich der persönlichen Dienstleistungen, entstehen. Eines ist aber ganz sicher richtig: Der Druck auf ungelernte Beschäftigte ist heute sicherlich größer als vor einigen Jahrzehnten, sie haben größere Schwierigkeiten, Jobs zu finden, und wenn sie welche finden sind diese sehr schlecht bezahlt.

Wie sieht unser ökonomisches Leben im Jahr 2030 aus?
Keine Ahnung (lacht). Derartige Prognosen halte ich nicht für klug. Neben einem technologischen Fortschritt, der nur schwer voraussagbar ist, gibt es den schwer einschätzbaren gesellschaftspolitischen Wandel. Hätte man uns im Jahre 1990 gefragt, wo wir 2010 stehen werden, wären wir bei vielen Dingen falsch gelegen.

Was ist an der Grundidee des Neoliberalismus falsch, einen antikommunistischen und antikapitalistischen Mittelweg zu gehen?
Wann soll das die Grundidee des Neoliberalismus gewesen sein?

Wenn wir uns etwa die Diskussionen vor dem zweiten Weltkrieg ansehen, wie den Gesprächsgipfel Colloque Walter Lippmann.
Da kommen wir in die Sphäre der Begriffsklauberei und Haarspalterei. Der Begriff des Neoliberalismus hat in den vergangenen 50 Jahren sein Gesicht verändert. Ursprünglich meinte der Begriff die Schule des Ordoliberalismus in Deutschland, die eigentlich dem heutigen Verständnis der sozialen Marktwirtschaft entspricht. Also sozialen Ausgleich, Bekämpfung von Monopolen und das Verhindern von Privilegien für mächtige Kapitalgruppen. Damals bedeutete der Begriff das Gegenteil von unserem heutigen Verständnis von Neoliberalismus. Seit 1970 handelt es sich um eine free-market und laissez-faire Ideologie, wonach Märkte so frei wie möglich agieren sollen. Wenn dabei manche unter die Räder kommen, dann ist es laut dieser Denkweise eine gerechte Marktentscheidung. Es hat keinen Sinn, wenn manche besserwisserisch meinen, dass Neoliberalismus etwas anderes bedeutet. Ein Begriff heißt das, was er in dem Moment für einen Großteil der Menschen, die ihn im Sprachgebrauch nutzen, bedeutet. Alles andere ist einfach nur Scholastik.

Woran liegt es, dass trotz der massiven Wirtschaftskrise neoliberale Parteien in Europa Wahlen gewinnen?
Es gibt nie nur einen Grund. Die Welt ist komplex und daher hat alles, was geschieht, multikausale Ursachen. Ein Grund für das Aufkommen der Marktideologie des Neoliberalismus ist mit Sicherheit, dass der keynesianische Mainstream in den 1970-er Jahren an seine Grenzen stieß und aufkommende Krisenerscheinungen nicht erklären konnte. Zugleich standen die neoliberalen Kräfte mit ihrem Konzept parat, während die sozialistische und sozialdemokratische Linke selbst an sich zu zweifeln begann. Jedoch fehlte es an eigenen Modernisierungskonzepten und so entwickelten sie sich ein bisschen in die Richtung des langsam entstehenden neoliberalen Mainstreams. Jetzt, nachdem uns der Neoliberalismus – simpel gesagt – die größte Wirtschaftskrise seit den 1930-er Jahren eingebrockt hat, ist es für die Linke schwierig darauf zu reagieren.

Hat das mit einer mangelnden Vermarktung von Alternativkonzepten zu tun oder gibt es die gar nicht?
Linke generell und Sozialdemokraten im Besonderen haben sich in den letzten 30 Jahren relativ wenig mit Ökonomie beschäftigt. Selbst wenn es ein Konzept gibt, mangelt es an Glaubwürdigkeit, da man zuvor jahrelang das gegenteilige Konzept mittrug. Eine erfolgreiche sozialdemokratische Politik war immer eine populäre und damit für die normalen Leute. Diese Glaubwürdigkeit geht aber verloren, wenn Mittelschicht-Bubis sich anziehen und so sprechen wie die technokratischen Eliten. Das sind alles Gründe, warum die demokratische und gemäßigte Linke es schwerer hat, an die Erfolge aus der Vergangenheit anzuknüpfen.

Robert Misik im AudiMax 2009 (Bild: Nick Wolfinger)
Robert Misik im AudiMax 2009 (Bild: Nick Wolfinger)

Kann die radikale Linke, wie etwa die SYRIZA in Griechenland, die neoliberale Hegemonie durchbrechen?
Man sollte hier nicht übertreiben oder je nach Standpunkt in Euphorie ausbrechen. Griechenland ist ein Sonderfall, weil die klassische Sozialdemokratie dort zusammenbrach. Diesen Platz hat eine radikale Linke vollständig ausgefüllt. Das ist etwas anderes als der plötzliche Aufstieg einer unabhängigen Linken in Spanien, die aber neben einer sozialdemokratischen Linken existiert. Das führt dazu, dass sich beide bekämpfen. In Deutschland etwa sehen wir eine sehr, sehr rechts gewordene SPD, die in Wirklichkeit bei wirtschaftspolitischen Konzepten rechts vom Internationalen Währungsfonds steht. Gleichzeitig gibt es eine politische Linke, in Form der Linkspartei, die das politische Spiel in Deutschland auch nicht lebendiger macht. Hier muss von Land zu Land unterschieden werden, Griechenland bleibt ein Sonderfall.

Thema Konsumkultur: Verliert Europa bei Unterzeichnung des transatlantischen Freihandelsabkommen einen Teil ihrer Identität?
Da ist eine große Portion an paranoider Übertreibung dabei. Hier wird nicht wirklich etwas eingeführt, das es nicht schon gibt. Es ist ja nicht so, dass es zwischen den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union dramatische Handelsbarrieren wie Schutzzölle gibt. Wir haben einen de facto freien Handel innerhalb dieser Zone. Die Grundidee von TTIP ist vorhandene Handelshemmnisse zu beseitigen, die automatische Produktzulassungen etwa in beiden Wirtschaftsräumen für Unternehmen erschweren. Das Hauptproblem, und daher gehört es bekämpft, ist die Privilegierung von großen Wirtschaftsakteuren. Es ist verrückt, dass ich als Unternehmer die Regierung eines Landes, das nicht meinem Hauptsitz entspricht, aufgrund von wirtschaftspolitischen Gesetzen klagen kann. Derartige Regelungen auf Volkswirtschaften wie die USA oder die Eurozone umzulegen, sind absurd.

Kommen wir nach Österreich: Gibt es hierzulande noch eine “echte“ linke Politik?
(lacht) Das kommt natürlich darauf an, was man unter echter linker Politik versteht. Gerade in Bezug auf die Euro-Krise ist Faymann im Vergleich zur holländischen oder deutschen Politik ein grundsatzorientierter Sozialdemokrat, geradezu eine Lichtgestalt. Gleichzeitig sehe ich keine erfolgsversprechende linke Politik in Österreich. Wobei auch hier differenziert werden sollte: Rot-Grün in Wien sind sicherlich linker und erfolgreicher als anderswo. Das gilt sicherlich nicht für den Bund und jedes einzelne Bundesland, das im Detail zu beurteilen ist. Die Sozialdemokratie in Österreich ist als Ganzes sicherlich eine sozialistischere Sozialdemokratie als die meisten in Europa. Sie hat aber ein dramatisches Problem mit ihrer Führung im Bund und das bereits seit dem Abtreten von Vranitzky. Auch davor war nicht alles Gold, was glänzt, aber seither ist alles Kohle, was nicht glänzt.

Warum lassen sich linke Parteien derart von der Integrationsdebatte vereinnahmen?
Die Situation ist nicht einfach. Seit ungefähr 30 Jahren gibt es eine xenophobe Stimmung in diesem Land. Begonnen hat es mit den Grenzöffnungen und den Migrationsströmen Ende der 1980-er Jahre. Dagegen zu argumentieren ist sicherlich schwer, insbesondere wenn eine starke rechtspopulistische Partei diese Stimmung benützt. Von daher gibt es immer eine Wackeltaktik zwischen Dagegenhalten und Zugehen gegenüber den Rechten. Mit dieser Ungenauigkeit begibt man sich in ein Dilemma, dem man eigentlich zu entfliehen versucht. Natürlich bringt die Massenmigration kulturelle Differenzen und neue soziale Unterklassen mit sich. Darüber nicht zu sprechen, weil man Angst hat in die Rassismus-Schiene zu rutschen, macht die Sache nicht besser. Diese Hemmung über Probleme offen zu sprechen, führte uns in die Scheiße, in der wir seit Jahrzehnten sitzen.

Die Bundeshauptstadt wählt noch in diesem Jahr. Bleibt Rot-Grün im Sattel?
Ich glaube Rot-Grün hat gut regiert, das war schon ganz in Ordnung. Das Problem ist natürlich, dass diese Koalition aufgrund des Verlusts der SPÖ-Absoluten entstand. Somit sind die Sozialdemokraten nicht gerade mit einer großen Euphorie in diese Regierung gegangen. Dieses Ursprungsproblem, also einen rot-grünen Geist zu entwickeln, haben sie in den vergangenen fünf Jahren nicht gelöst. Ein weiteres Problem ist der Gegenwind aus dem Bund. Menschen wählen bei Landtagswahlen nicht nur aufgrund von regionalen Fragen. Der SPÖ nützt dieser nicht, den Grünen eher schon. Natürlich wird die FPÖ zulegen, aber das hat wenig mit Wien zu tun. Ich denke, dass die Sozialdemokraten für ihre Verhältnisse dramatisch verlieren werden, wobei 40 Prozent werden sie schon bekommen. Die Grünen werden leicht gewinnen, letztlich sind wir dort wo wir immer sind in Wien: 56-60 Prozent stimmen links der Mitte ab.

Falls Alexander van der Bellen kandidiert, ist Österreich bereit für einen “grünen“ Staatspräsidenten?
Alexander van der Bellen spielt mittlerweile in einer anderen Liga und daher sehe ich ihn nicht als “grünen“ Kandidaten. Es hängt natürlich von den Gegenkandidaten ab, wenn etwa die SPÖ einen Hundstorfer und die ÖVP einen Pröll ins Rennen schicken. Dann wird die persönliche Reputation eines van der Bellen nicht über 20 Prozent hinausragen. Wenn aber eine oder beide Parteien sagt, uns ist diese Wahl nicht so wichtig, dann besteht natürlich eine Chance. Oder wenn die Sozialdemokraten offen seine Kandidatur unterstützen, dann hat er den Sieg in der Tasche. Aber das glaube ich nicht (lacht).

Abschließend, bei wem würden Sie gerne einmal nachhaken?
Na, da gibt es viele. Ich würde beispielsweise Frau Merkel oder Herrn Schäuble gerne fragen, ob sie persönlich wirklich an ihre bizarre Austeritätspolitik glauben, oder ob sie nicht insgeheim wissen, dass diese eine Sackgasse ist und aus bloßen machtpolitischen Gründen an einer gescheiterten Politik festhalten, wissend, dass diese Europa ins Unglück stürzt.

Danke für das Gespräch.

Strolz: Wir haben uns von der Euphorie tragen lassen

Mathias Strolz nennt Bildungspolitik seine Herzensangelegenheit und gründet mit den NEOS eine neue Parlamentskraft in Österreich. Nach einem Jahr der Euphorie kommt die erste Ernüchterung bei Landtagswahlen und auf europäischer Ebene. Bei uns spricht der Parteichef offen über Fehler, persönliche Beleidigungen und darüber, warum die Menschen nach einfachen statt zielführenden Lösungen suchen.

Wovor haben Sie am meisten Angst?
Das werde ich öffentlich nicht sagen, das halte ich nicht für gescheit.

Aber es gibt Dinge, die einen beunruhigen?
Ja, die gibt es, aber die sind sehr persönlich.

Hirschkäfer, Bäume besingen, erheiterter Zustand: Wie geht ein Politiker mit persönlichen Beleidigungen um?
Hmm, ich übe noch. Da gibt es ja auch ganz unterschiedliche Phänomene: Die Künstlergruppe Maschek finde ich beispielsweise lustig, ich denke das ZIB2-Interview mit Armin Wolf ist mehr als 260.000 Mal angesehen worden. Das ist handwerklich eindrucksvoll und da bemüht sich jemand kreativ zu sein. Die Abteilung, die versucht persönlich verletzend und ehrabschneidend zu agieren, diese stecke ich nicht so leicht weg. Ich habe viel erlebt im vergangenen Jahr und bin dankbar für die Erfahrungen. Aber natürlich war die Kränkung phasenweise sehr groß und der Umgang damit nicht immer einfach.

Gibt es einen Ort, der hilft darüber hinwegzukommen?
Ja, natürlich. Hätte ich die Gegenwelt der Familie nicht und würde ich nicht regelmäßig Sport betreiben, dann könnte ich das nicht machen. Diese Gegenwelten brauche ich ganz dringend und die Kinder sind dazu besonders gut geeignet, weil sie so kompromisslos sind. Du kommst zur Familie und dann bist du da, das ist auch nicht verhandelbar. Ja, das ist gemeinsam mit dem Sport und der Natur sehr wichtig für mich. Das hilft alles gegen die Kränkungen, aber letztlich musst du es mit dir selbst ausmachen. Weil das in mir stattfindet und das bedeutet für mich eine neue Etappe in meiner Persönlichkeitsentwicklung.

Gibt es etwas, woran neben Ihnen nur sehr wenige Menschen felsenfest glauben?
Ich glaube nicht, dass ich hier so einzigartig bin. Ich glaube allerdings, dass ich einer der ganz wenigen in der Politik bin, der über den eigenen Glauben redet. So wie es früher verpönt war über Krankheiten zu sprechen, so ist es heute eher verpönt, Auskunft über seinen spirituellen Zugang zur Politik zu geben. Das wird ganz schnell lächerlich gemacht und ins esoterische Eck gestellt. Ich habe für mich entschieden, dass ich hier vorsichtiger werden will. Aber ich werde es nicht aufgeben, weil es ein wichtiger Teil von mir ist. Ein Beispiel: Aus persönlichen Gesprächen weiß ich, dass auch andere Spitzenpolitiker fasten waren. Auch mehrmals am selben Ort wie ich. Aber sie reden nicht darüber und das ist in Ordnung. Jeder und jede nach seiner oder ihrer Vorstellung. Ich persönlich halte es für richtig und wichtig über Dinge, die mich als Politiker ausmachen, zumindest punktuell zu sprechen. Und wenn ich gefragt werde, gebe ich eine Antwort.

Bild: Christoph Hopf
Bild: Christoph Hopf

Apropos Religion, warum zucken Sie beim Anblick bärtiger Männer?
Es geht um Authentizität und für mich war es wichtig zum Ausdruck zu bringen, dass ich in den Tagen nach den schrecklichen Anschlägen von Paris tatsächlich anders mit der U-Bahn gefahren bin. Ich glaube es ist wichtig das auch anzusprechen, weil ich überzeugt bin, dass 90% der Bevölkerung ebenfalls so empfindet. Es gibt sicherlich die zehn Prozent, an denen geht so ein Anschlag wie in Paris spurlos vorbei. Aber da frage ich mich auch, was die dann überhaupt spüren. So ein Gefühl der Beklemmung muss zugelassen werden. Aber nur weil mich ein Gefühl von Angst überkommt, heißt das nicht, dass die Angst mich lenkt. Es wäre gleichzeitig falsch diese Gefühle zu leugnen. Genau so sind wir in Österreich mit der Integrationspolitik in den vergangenen Jahrzehnten umgegangen. Ignoranz, Empfindungen nicht einmal wahrnehmen. Da will  ich andere Wege gehen. Das ist natürlich auch eine Offenbarung, die mich angreifbar macht. Aber letztlich möchte ich die Menschen mitnehmen auf den Weg, der eine Lösung sein kann. Das Miteinander soll vor das Gegeneinander gestellt werden, das Gemeinsame vor das Trennende, das Positive vor das Negative. Emotionalität muss ich aber schon zulassen.

War es rückblickend ein Fehler, den bekennenden Atheisten Niko Alm zum NEOS-Religionssprecher zu ernennen?
Die Übergabe an mich war Teil einer Neuverteilung verschiedener Themengebiete, auch wenn das die Medien verständlicherweise anders interpretieren. Ich habe schon einmal erklärt, dass es damals nach unserem Parlamentseinzug sehr schnell gehen musste. 40-50 Bereiche waren mit Experten und Expertinnen zu besetzen, wir waren aber nur zu neunt. Ein wichtiges Kriterium war die jeweilige persönliche Sachkompetenz in dem jeweiligen Feld. Zweifelsohne hat Niko Alm in Sachen Religion ein extrem hohes Know-How und viele Diskussionen, die er geführt hat, haben mich beeindruckt. Und er war niemals polemisch dabei und dafür schätze ich ihn sehr. Über die Zeit vor den NEOS und seine Agitation, darüber lässt sich streiten. Ich sehe natürlich seine persönlichen Ansichten, aber das deckt sich nicht mit unserem Parteiprogramm. So wie sich mein persönlicher Glaube nicht aus dem Parteiprogramm speist. Im NEOS-Programm steht nun einmal nicht „Wir sind Katholen“, genauso wenig ist angeführt, dass wir Nudelsieb-Anhänger sind.

Kommen wir zur Wirtschaft: Der Universalhistoriker Yuval Harari sagte jüngst, dass die Wirtschaft in Zukunft den Menschen nicht mehr brauche. Wie sieht das eine Partei, die sich zum Neoliberalismus bekennt?
Eines vorweg: Wir sind nicht im neoliberalen Spektrum verankert, so wie der Neoliberalismus heute verstanden wird. Betrachten wir den Begriff historisch, dann war er in den 1950er-Jahren ein Synonym für soziale Marktwirtschaft. Und dazu stehen wir, denn wir wollen eine neue ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Wir sind eine Bürgerbewegung mit einer liberalen Grundhaltung. Das was viele Menschen unter Neoliberalismus verstehen, das verurteilte ich auf das Schärfste. Den ignoranten, egozentrischen, profitsuchenden, über Leichen gehenden Kapitalisten, den weisen wir zurück. Die Wirtschaft ist für die Menschen da und nicht umgekehrt, sie hat dem Menschen zu dienen. Diese Fantasie, dass wir durch die Industrialisierung die 38-Stunden-Woche abschaffen, das hat sich nicht bewahrheitet. Und auch Hararis Prophezeiungen werden so nicht eintreffen. Es werden immer neue Felder aufgehen, die Menschen beschäftigen.

Thema Griechenland: Glauben Sie an ein Aufkommen einer neuen linken Wirtschaftspolitik oder geht es hier mehr um Populismus?
Ich denke, es ist offen, in welche Richtung sich Griechenland bewegt. Letztlich ist es aber eine Links-Rechts-Koalition, auch wenn das rechte Anhängsel vorerst ruhig gestellt ist. Ich glaube nicht, dass es eine ideologische Auseinandersetzung ist. Wenn Tsipras seine Füße nicht auf den Boden bringt, dann gewinnen das nächste Mal eventuell die griechischen Rechtsradikalen. Im Moment ist es verständlicherweise geleitet von der großen Sehnsucht nach einfachen Antworten. Das beschäftigt uns in der Islam- und Integrationsdebatte genauso wie in der wirtschaftspolitischen Debatte. Die Menschen sehnen sich nach einfachen Antworten in einer Welt, die volatil, unsicher, komplex und ambivalent ist. Wir wollen hier einen positiven Beitrag leisten, aber wir machen bei diesen plakativen, einfachen Antworten nicht mit.

Zurück nach Österreich: Der Staat bezahlt jährlich mehr als 375 Millionen für Alkoholkranke. Glauben Sie nicht, dass diese Ausgaben bei einer möglichen Cannabis-Legalisierung vollends explodieren?
Nein, das glaube ich nicht. Wir zielen darauf ab, den Missbrauch von Cannabis zurückzudrängen. Zugleich wird es niemals eine drogenfreie Gesellschaft geben. Und der Status Quo ist ein unglaublich verlogener. Wir haben 18.000 Tote jährlich durch Alkohol und ein unendliches Leid in den Familien. Wir haben 14.000 Tote durch Nikotin, aber wir haben kausal durch Cannabis keine Toten. Aber natürlich ist das auch eine potentiell gefährliche Droge, ich will das auch nicht verharmlosen. Wenn wir aber heute runde eine halbe Million Menschen haben, die punktuell Cannabis konsumieren und wenn wir damit eine halbe Million Menschen haben, die punktuell Kontakt mit kriminellen Kanälen haben und kriminelle Taten begehen, dann muss sich eine Gesellschaft Gedanken machen, ob sie den richtigen Umgang damit pflegt. Wir haben kein Patentrezept, aber wir haben einen Diskussionsbeitrag bei einem sehr ernsten Thema geleistet. Ich sage aber auch, dass wir uns zu wenig auf unseren Diskussionsbeitrag vorbereitet haben. Unsere Position aber nur lächerlich zu machen, das halte ich für ignorant oder völlig zynisch.

Es ging Ihnen also mehr um einen Denkanstoß?
Absolut, weil die Auseinandersetzung der Gesellschaft mit der Welt der Drogen und der Frage, wie sie damit umgehen kann, ein ernsthaftes Anliegen von uns ist.

Bild: Christoph Hopf
Bild: Christoph Hopf

War das Abschneiden bei den jüngsten Wahlen in Vorarlberg und Niederösterreich eine Enttäuschung?
Ich glaube der Hype war einfach vorbei, unsere Mitbewerber haben sich gut auf uns eingestellt und Programme gegen uns gefunden. Wir sind in vielem noch nicht gut genug und können der Fremddefinition durch andere Parteien zu wenig kommunikative Kraft entgegensetzen. Da bessern wir uns jeden Tag, aber das ist eine langfristige Aufgabe. Und natürlich hat das auch etwas mit einem Medienzyklus zu tun. Es ist ähnlich wie bei Wachstumsschmerzen. Wenn sie kommen, bringen einem die Vorbereitungen darauf nicht wirklich etwas. Das haben wir erlebt und da müssen wir jetzt durch. Wir haben uns in Zeiten der Euphorie in lichte Höhen tragen lassen und in der Phase, in der es nach unten ging, nahmen wir teils eine depressive Rolle an. Jetzt sind wir aber stabil und 2015 ist das Jahr, in dem wir ankommen. NEOS soll die Gründergeneration überleben und langfristig und über Jahrzehnte an einer Erneuerung Österreichs arbeiten.

Wenn sich bei den kommenden Wahlen Koalitionsmöglichkeiten ergeben, bleiben Sie beim Nein zur FPÖ?
Wir würden mit allen Parteien außer den Freiheitlichen eine Koalition eingehen, mit der FPÖ hingegen nur eine thematische Zusammenarbeit. Für eine Koalition sind unsere Gemeinsamkeiten nicht tragfähig. Wir sind für Europa und für ein Miteinander und haben eine völlig andere Sicht in der Ausländer- und Integrationsfrage. Das sind zwei zentrale Politikfelder und wenn du hier unterschiedliche Ansichten hast, dann solltest du dich nicht in eine Koalition begeben.

Wenn die NEOS jemals eine absolute Mehrheit erlangen, was wäre das erste Gesetz, dass Ihre Partei verabschiedet?
Wir denken stark prozessorientiert, also würden wir eher einen Prozess anstoßen. Und das wäre eindeutig die Einberufung eines nationalen Bildungsdialogs mit dem klaren Ziel, innerhalb eines Jahres gemeinsam eine umfassende Bildungswende einzuleiten. Die Schülerin und der Schüler sollen mit ihren Talenten und Bedürfnissen im Mittelpunkt stehen.

Gibt es hier ein Vorbild?
Es gibt gelungene Reformprozesse in anderen Ländern, Bildung wächst organisch. Daher sind auch die letzten 100 Jahre genauestens zu analysieren und wir schauen uns die Prozesse, wie etwa in den Niederlanden und Dänemark, genau an. Gerade auch die Fehlersuche, wie etwa in Schweden, ist für uns wichtig. Ein einfaches Copy/Paste wird aber nicht möglich sein, das muss allen klar sein. Die Bildung bleibt eine Herzensangelegenheit für mich, solange ich Politik mache.

Abschließend: Wer ist Ihr politisches Vorbild? Aber bitte nicht Bruno Kreisky…
Hach, schade (lacht). Ich habe kein singuläres Vorbild, ich habe Leute die mich inspirieren. Ich habe viel mit Erhard Busek beim Europäischen Forum Alpbach zusammengearbeitet und bewundere sein Engagement für Südosteuropa, seinen Intellekt und seine große Landkarte. Mich inspiriert auch der unternehmerische Zugang eines Christoph Chorherrs und mein Urururgroßvater Franz Michael Felder war selbst Parteigründer. Auch wenn er für mich bislang nicht sehr präsent war, hat er mittlerweile eine große Präsenz in meinem Leben.

Danke für das Gespräch.

Edition F: Selbstständigkeit ist wie ein Sprung ins kalte Wasser

Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann wagen den Schritt, von dem viele nur zu träumen wagen: Die beiden Frauen lukrieren mithilfe von Crowdinvesting mehr als 200.000 Euro für ihre digitale Businessfrauen-Plattform Edition F. Der Leserinnenansturm ist gewaltig, renommierte Auszeichnungen wie der silberne Lead Award folgen. Bei uns sprechen sie über die Motivation zur Gründung, die Herausforderung eines gesunden Traffic-Wachstums und die notwendige Offenheit für Veränderungen.

Wie genau entstand die Idee zu Edition F?
Susann Hoffmann: Nora und ich gehören als Gründerinnen selbst zur Zielgruppe von Edition F. Für Frauen wie uns gab es keine richtige Anlaufstelle im Netz. Wir wollen Frauen, die sich beruflich verwirklichen wollen, ein digitales Zuhause bieten. Eine Plattform fernab der stereotypen Themen Mode und Beauty. Wir schaffen ein Gegenangebot zu den Wirtschaftstiteln, die sich häufig ausschließlich auf Männer fokussieren.

Nora-Vanessa Wohlert: Wir bilden sowohl die Business- als auch die Business-Lifestyle-Welt mit einem integrierten Angebot ab: inspirierende und meinungsstarke Inhalte, Networking-Angebote, Stellenausschreibungen und alles, was das Berufsleben von Frauen schöner macht. Damit wollen wir zur täglichen Inspirationsquelle werden und Frauen unterstützen, ihren Weg zu gehen – im Job und im Leben.

Woher nahmen Sie den Mut für die Selbstständigkeit?
Hoffmann: Zur Selbstständigkeit gehört immer der Sprung ins kalte Wasser. Dieser Mut ist leichter aufzubringen, wenn jemand von seiner oder ihrer Sache überzeugt ist, bereits erste Erfahrungen sammelte und er oder sie sich auf den Mitgründer oder die Mitgründerin verlassen kann. Irgendwann spürt man, ob sich das Risiko für eine Idee lohnt.

Wohlert: Es war einfach der richtige Moment, das richtige Thema und die richtige Mitgründerin. Um sich nicht verrückt zu machen, sollte man sich vor Augen halten, dass man im Notfall wieder in eine Festanstellung zurückgehen kann.

Wann haben Sie sich als Gründerin zum ersten Mal so richtig gefreut?
Hoffmann: Der Schritt zur Gründung war schon sehr einschneidend – ein neues Abenteuer, ein Wagnis. Deshalb war der erste Tag im Home Office im September 2013 eine große Freude. Die nächsten Meilensteine waren die erste Finanzierungsrunde im März 2013, der offizielle Launch im Juli 2014 und die Resonanz auf unsere noch aktive Crowdinvesting Kampagne.

Wohlert: Zusätzlich haben wir uns sehr über den silbernen Lead Award in der Kategorie Online Independent gefreut, und immer wieder, wenn wir Mails von Nutzerinnen bekommen.

Webauftritt von Edition F
Webauftritt von Edition F

Was waren die ersten Rückschläge?
Hoffmann: Alles dauert länger, als man sich das wünscht. Das bereitet einem manchmal Kopfzerbrechen.

Welche Marketingmaßnahmen setzten Sie ein, um ihre ersten Leserinnen anzusprechen?
Wohlert: Wir haben bisher kein Geld in Online-Marketing investiert, sondern sind organisch gewachsen. Unser Traffic kommt insbesondere aus sozialen Netzwerken, weil Menschen dort unsere Inhalte teilen. Facebook ist sehr relevant für uns, aber auch Twitter, Instagram und Karriere-Netzwerke wie Xing und Linkedin.

Hoffmann: Die Nutzerin steht im Mittelpunkt unseres Interesses, deshalb ist es für uns am wichtigsten genau sie ständig im Blick zu behalten. Wir müssen erkennen, welche Themen und Features die Leserinnen wirklich wollen und welche Bedürfnisse auch neue Geschäftszweige eröffnen.

Die Gretchenfrage: Umsätze generieren oder Wachstum?
Hoffmann: Das ist für jedes Startup anders. Wir haben uns dafür entschieden, sowohl gesund zu wachsen, als auch zu zeigen, dass unser Geschäftsmodell funktioniert. Wir glauben insgesamt nicht mehr so stark an die Idee, dass Reichweite allein zählt. Viel wichtiger sind zielgruppenspezifische Angebote, die die Nutzerinnenbedürfnisse ernst nehmen und ein Produkt anbieten, für das diese Zielgruppe auch bereit ist zu zahlen.

Gibt es etwas an das neben Ihnen nur sehr wenige Menschen felsenfest glauben?
Wohlert: Manchmal gibt es eine Art Abgesang auf den Journalismus. Wir glauben sehr stark an Content-Modelle und auch daran, dass mit guten Inhalten viel Geld verdient werden kann.

Drei Tools, die Sie jungen Gründerinnen und Gründern auf den Weg geben…
Wohlert: Weniger konkrete Tools, aber sehr wichtig sind regelmäßige Teammeetings und Jour fixes. Gründerinnen und Gründer sollten sich Zeit nehmen, um an der Vision und Strategie zu arbeiten, um nicht im Tagesgeschäft unterzugehen. Lasst euch nicht entmutigen und seid immer offen für Veränderungen am Geschäftsmodell.

Welche Schlagzeile möchten Sie über sich im Jahre 2020 lesen?
Wohlert: “EDITION F vernetzt Millionen von Frauen“

Abschließend, bei wem würden Sie gerne einmal nachhaken?
Wohlert: Sophia Amoruso, die Gründerin des Shops NastyGal. Sie hat es geschafft, eine vertrauensvolle Marke zu schaffen, mit der sie zugleich Nutzerinnen sowie Investoren glücklich macht.

Danke für das Gespräch.

Esposito: „Es herrscht Chaos auf allen Seiten“

John Esposito ist kein Mann, der klare Worte scheut, wenn es um brisante politische Themen geht. Der 1940 in Brooklyn, New York City geborene Professor für internationale Angelegenheiten an der Georgetown University gilt als ausgewiesener Experte für Nahost-Politik und Islamische Studien. Im Interview spricht er über den Arabischen Frühling, die Wege aus der Krise und die Zukunft islamistischer Parteien.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage drei Jahre nach dem Arabischen Frühling ein?
Die potenzielle Gefahr des totalen Chaos besteht. Kurzfristig zeichnet sich eine gewisse Entspannung ab. Das wahre Problem liegt in der engen Verflechtung der Führungseliten sowie der westlichen Mächte mit den regionalen Militärs. Fragwürdige Regierungsgeschäfte und eine tiefgreifende Korruption sind weiterhin an der Tagesordnung.

Im Gegensatz zu Tunesien beherrscht die ägyptische Armee bis zu 40% der dortigen Wirtschaft. Diese Regierungen fühlen sich stark und mächtig, ernennen Richter und lenken die Medien. Dazu kommen westliche Mächte, die mit einem gewissen Doppelstandard diesen Zustand festigen. In der zweiten Amtsperiode von George W. Bush war der mediale Druck so hoch, dass es eine offizielle Bestätigung dieser Politik im Nahen Osten gab. Im Namen der Stabilität und Sicherheit wurden die dort herrschenden Regime nicht weiter in Frage gestellt.

Um was geht es dabei wirklich?
Es geht um wirtschaftliche Prosperität, um freien Zugang zum Öl und um den Schutz Israels. Genau hier hat der Arabische Frühling nur kurzfristig eine Änderung gebracht. Wir sind wieder mitten in diesem alten Schema, nur unter anderen Bedingungen. In Ägypten sitzen zwischen 20.000 und 40.000 politische Gefangene hinter Gittern. Folterungen sind keine Ausnahme, sondern eher die Regel. Die USA und in einer schwächeren Form auch die EU arrangieren sich mit dieser Situation. Die US-Regierung weigert sich, den Militärputsch als solchen zu bezeichnen. Auch wenn die USA von einem Demokratisierungsprozess sprechen, haben wir heute so viel Gewalt wie niemals zuvor im modernen Ägypten. Und trotzdem erhält die Militärführung weiterhin Milliardenhilfen aus den Vereinigten Staaten. Zugleich sehen wir einen unglaublichen Anstieg an Repressionen…

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Besuch des amerikanischen Verteidigungsminister Chuck Hagel (Mitte) beim damaligen ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi (Rechts) und General Abdel Fattah al-Sisi (Links). (Bild: US Secretary of Defense )

… gegen die Islamisten?
Gegen alle, die gegen den Coup arbeiten. Egal, ob es sich dabei um die Jugendbewegung des 6. April, Kabarettisten, Journalisten oder politische Führer verschiedenster Spektren handelt. Die Menschen erkennen, dass es keinen Demokratisierungsprozess mehr gibt. Es herrscht Chaos auf allen Seiten.

Tunesien entwickelt sich positiv, die jüngsten Wahlen geben Hoffnung.
Ja, es sieht gut aus in Tunesien. Dank einer sehr pluralistischen Mehrheit war die Revolution erfolgreich. Aber auch hier zeichnen sich problematische Entwicklungen ab: Viele Politiker des alten Regimes wiesen bei den Wahlen große Erfolge vor. Entscheidend dafür war und ist, dass die Ennahda-Partei, die die ersten Parlamentswahlen klar gewann, von ihren legitimen Ämtern zurückzutrat. Dem Parteivorsitzenden Rachid al-Ghannouchi war bewusst, dass es eine nationale Einheitsregierung und einen zivilen Staat geben muss. Nur so kann die Zukunft Tunesiens seiner Meinung nach gesichert werden. Ob die anderen oppositionellen Kräfte ebenfalls so denken oder langfristig ohne die Islamisten regieren wollen, bleibt abzuwarten. Ein Ausschluss eines derart großen Bevölkerungsanteils würde jedoch sehr rasch zu Problemen führen.

Haben diese Probleme auch mit den neuen Machtstrukturen im Nahen Osten zu tun? Türkei und Katar auf der einen Seite, die Golfstaaten auf der anderen…
Zu Beginn versuchten die Türkei und Katar einen möglichst konstruktiven Beitrag in der Neuordnung des Nahen Ostens zu leisten. Am Ende des Tages funktioniert dies aber ohne Hilfe aus den USA und der Europäischen Union nur mit massiven Einschränkungen. Die enge Allianz von Saudi Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, die eine entgegengesetzte Politik in der Region führen, bringt Probleme mit sich. Die Türkei wie auch Katar verbuchen wirtschaftliche Rückschläge am Golf und werden nicht als ebenbürtige Partner von den anderen Golfstaaten angesehen. Hinzu kommen der Aufstieg des „Islamischen Staates“ und der Druck auf die Türkei, Bodentruppen zu entsenden. Ich wiederhole mich, aber egal wohin wir blicken, finden wir eine chaotische Situation vor.

Wie sieht die Zukunft von islamistischen Parteien aus, die im arabischen Raum bei allen Wahlen die Mehrheit erlangten?
Jegliche islamistische Bewegungen sind Teil der Muslimbruderschaft, entspringen dieser und stehen ihr ideologisch nahe. Der Versuch, diese vor Ort als terroristische Vereinigung zu brandmarken und diese Idee auch in Europa zu streuen, zeigt die Angst der alten Machthaber. Viele blicken auch in die Türkei, wo die AKP trotz vieler Erfolge vor großen Hürden steht. Der neue Präsident kann sich keine erneute Gezi-Protestwelle erlauben. Nur wenn die AKP für eine offene Gesellschaft eintritt, hat die Partei eine Zukunft.

In Ägypten sieht die Situation völlig anders aus und ist schwer vorhersehbar. Es sollte nicht vergessen werden, dass viele Experten – ob im Westen oder Osten – die Muslimbruderschaft unter Präsident Nasser für tot erklärten. Die zahlreichen Exekutionen und Gefängnisstrafen waren für viele eine Abschreckung. Am Ende gab es eine radikalisierte Jugend, die der Ideologie von Sayyid Qutb folgte. Die alte Garde hingegen weigerte sich einen militanten Weg einzuschlagen. Weiters spielt auch Religion in Ägypten eine entscheidende Rolle im öffentlichen Leben. Und das weiß auch (Anm.: Präsident) Sisi, der einen guten gegen einen schlechten Islam ausspielt. In einer derartigen Atmosphäre kommt es früher oder später erneut zu einem Spannungsfeld zwischen einem religiösen Mainstream und marginalisierten Gewalttätern.

Danke für das Gespräch.